Blaxploitation
• Was ist blax? •
»Last time he was nice, this time he will be icccce«, so der ausdrucksstarke Trailer des ersten Shaft-Films aus dem Jahr 1971 unter der Regie von Gordon Parks Sr. Shaft, das ist die Geschichte eines »black private dick who’s a sex machine to all the chicks«, wie es der mit einem Oscar ausgezeichnete Titelsong von Isaac Hayes verspricht. Gordon Parks Sr. war der erste schwarze Regisseur, der für ein Major Studio arbeiten konnte. Zuerst bekannt geworden als LIFE-Fotograf, drehte er ab Ende der 60er Jahre Filme (z.B. »The Learning Tree,1969).
Sein Film Shaft war so erfolgreich, dass er die ökonomisch ins Wanken geratene Produktionsfirma MGM vor dem Ruin rettete. Shaft, der mit 1,5 Millionen Dollar produziert worden war, wurde schnell zum internationalen Kassenschlager und zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres 1971. Nicht nur, dass die finanzielle Bedeutung eines schwarzen Publikums, das immerhin 30% der innerstädtischen Zuschauer ausmachte, nun beachtet wurde, auch Weiße schauten sich die schwarze (Leinwand-)Welt gerne an. Zwei weitere Shaft-Spielfilme und eine siebenteilige Fernsehserie, weiterhin mit Richard Roundtree in der Hauptrolle, folgten.
Die Vorlage für den ersten Shaft-Film bildet der Krimi Shaft (Shaft und das Drogenkartell) aus Ernest Tidymans siebenbändiger Shaft-Reihe. Der zweite Film, »Shaft’s Big Score!« (Liebesgrüße aus Pistolen) von 1972, basiert auf dem im Original gleichnamigen Band Shaft’s Big Score (Shaft beim Kongress der Totengräber). Während Tidyman an der Produktion dieser beiden Filme maßgeblich beteiligt war, entstand der dritte Spielfilm »Shaft in Africa« (Shaft in Afrika, 1973) dagegen weder auf der Grundlage eines seiner Bücher noch unter seiner Mitarbeit. Ein geplanter weiterer Shaft-Film nach dem Tidyman-Krimi »Shaft among the Jews« (Shaft und die sieben Rabbiner) wurde kurzfristig von MGM abgesagt.
Vor Shaft waren im Film stereotype Vorstellungen über Schwarze die Regel. Dies sollte sich Anfang der 70er Jahre, wenn auch nicht grundsätzlich verändern, so doch deutlich verschieben. Eine schwarze Person, ein schwarzer Charakter wurde von nun an anders in Szene gesetzt, als das bisher im Film der Fall war.
Angefangen hatte diese neue Episode schwarzer Leinwandpräsenz mit Melvin Van Peebles Sweet Sweetback’s Baadasssss Song (1971). Als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion ging Van Peebles mit diesem low-budget Film, der mehrere Millionen Dollar einspielte, in die Filmgeschichte ein. Doch der riesige Erfolg eines der wichtigsten Independent-Filme in den USA gefiel Hollywood offensichtlich nicht: Der Film fand keinen Verleiher im Ausland. Und Melvin Van Peebles wurde auch weiterhin von Hollywood ignoriert. Sweet Sweetback’s Baadassss Song erzählt die Geschichte des schwarzen »Hengstes« Sweetback, der wider Willen einen Polizisten tötet und dadurch zum Outlaw wird. Das Bild Sweetbacks als »Running Man« auf der Flucht vor der Polizei wird zum zentralen Leitmotiv des Films: ein Schwarzer, der das weiße Establishment herausfordert und gewinnt, indem ihm die Flucht nach Mexiko gelingt. »Dedicated to all the Brothers and Sisters who have had enough of the Man«, galt der Film radikalen schwarzen politischen Führern als »a great revolutionary document«.
Sex und Gewalt waren die eine Seite des Films. Die vielen Zooms, Mehrfachbelichtungen und Farbverfremdungen sorgten aber auch dafür, dass Sweet Sweetback’s Baadassss Song eine Neudefintion schwarzer Filmästhetik zugesprochen wurde. Blaxploitation was born. Und Melvin Van Peebles hatte einen großen Anteil daran. Und natürlich auch Shaft. Doch so mancher aus der »black community« schien irritiert zu sein, dass Buch und Drehbuch von dem weißen Autor Ernest Tidyman geschrieben wurden. Melvin Van Peebles versuchte daher den Erfolg von Shaft in einem Interview mit ARTE (29.10.1997) herunterzuspielen: »Der Protagonist von Shaft sollte zum Beispiel laut Drehbuch weiß sein. Als sie sahen, wie erfolgreich Sweetback war, haben sie das Skript ein bisschen verändert, und einen Schwarzen aus ihm gemacht.« Unabhängig davon, dass es bei Shaft wohl kaum ausgereicht hätte, hier und dort etwas zu verändern, um aus einem weißen Detektiv plötzlich einen schwarzen »private dick« aus dem Ghetto zu machen, verdreht Van Peebles auch die Fakten: Sweetback hatte im März 1971 Premiere. Shaft kam im Juli 1971 in die Kinos, aber das Buch von Ernest Tidyman war bereits im April 1971 erschienen. Da das Copyright der Erstausgabe mit 1970 angegeben ist, lag die Romanvorlage von Tidyman sogar noch wesentlich früher vor.
Der Begriff Blaxploitation wird aus den Begriffen »exploitation« (Ausbeutung) und »black« (schwarz) kombiniert, meint dabei aber nicht die Ausbeutung der an dem Film beteiligten schwarzen Darsteller sowie des schwarzen Publikums, sondern vielmehr die Verwertung der realen Lebensbedingungen Schwarzer als Grundlage der Filme. Das bedeutet, dass nun das Leben im Ghetto die Ausgangssituation der Geschichten bildet, und die Weißen nur als Randfiguren erscheinen.
Diese neuen Filme waren eine Folge des durch die Bürgerrechtsbewegung und die schwarze Militanz gestärkten Selbstbewusstseins der Schwarzen. Die Personifizierung der Angst des weißen Amerikas war damals ein schwarz gekleideter Schwarzer mit einem Gewehr in der Hand, voller Hass auf alles Weiße; ein Kommunist, der die bestehende Ordnung mit Gewalt beseitigen wollte. Die bisherige filmische Darstellung Schwarzer in ihren stereotypen unterwürfigen Rollen wirkte unglaubwürdig, für ein schwarzes Publikum sowieso, aber nun auch für ein weißes. Ein gut gebauter Schwarzer, kräftig, mit Schießeisen, tough, der sich von nichts und niemandem etwas gefallen lässt; dieser Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins der »black community« war dem Image der militanten Schwarzen eindeutig ähnlicher. Zwar entsprach die Figur Shaft auf den ersten Blick der Angst-Personifizierung, andererseits war sie aber auch Ausdruck der amerikanischen Idee: Du kannst es schaffen, wenn du es nur selbst anpackst, ehrlich zu dir selbst und anderen bist. Die bestehende Ordnung an sich wurde von Shaft nicht kritisiert oder angekratzt, nur ihre negativen Abweichungen in Form von Verbrechen, Korruption und Rassismus. Shaft war damit ein Abbild der Idee des inzwischen zumindest unter Liberalen akzeptierten Martin Luther Kings: Shaft hasst nicht die Weißen, sondern die Bösen. Und daher verweist Shaft nicht nur die bösen Weißen in ihre Grenzen, sondern auch die bösen Schwarzen.
Mit den Blaxploitation-Filmen waren Mode und Musik der 60er ebenso wie Sex in seiner stereotypen Form des schwarzen Körpers als lustbetont und unglaublich potent auf die Leinwand eingezogen. Action und Gewalt, nun auch Ausdrucksmittel des schwarzen Körpers, flimmerten aus den Projektoren. All das gewürzt mit einer Prise Trash. Auch wenn bereits diese Merkmale einzeln vorkamen, war ihre Verknüpfung innerhalb des Blaxploitation-Genres neu. Bereits Sidney Poitier als erster schwarzer Polizeidetektiv in »In the Heat of the Night« (In der Hitze der Nacht, 1967) und Sammy Davis Jr. als Pivatdetektiv in »The Pigeon« (Das Geheimnis der Puppe, 1969) waren Vorläufer für eine andere Darstellungsweise.
Nach Sweet Sweetback’s Baadasssss Song und Shaft folgten weitere Filme im Genre des Blaxploitation-Films. Gordon Parks Jr., der Sohn des Shaft-Regisseurs, drehte Superfly (1972), welcher sich um einen supercoolen schwarzen Kokain-Dealer in Harlem dreht, der nach dem großen Geschäft aus der Branche aussteigt und ungeschoren bleibt, weil er sich dem weißen Boss gegenüber mit erpresserischen Mitteln behaupten kann. Auch hier gab es zwei Fortsetzungen.
Es folgten die schönen, starken, schwarzen Frauen. Pam Grier, einer der wohl bekanntesten weiblichen Blaxploitation-Stars, spielte in »Coffy« (1973) eine Krankenschwester, die ein paar Dealer verfolgt und tötet, um ihre kleine, drogenabhängige Schwester zu rächen. In »Foxy Brown« (1974) wiederum jagt sie die Dealer, die ihren Liebhaber ermordet haben. Und Tamara Dobson war in »Cleopatra Jones« (1973) die schöne schwarze Agentin, die auf das verkommene weiße Amerika in Gestalt einer fetten, alten Rauschgifthändlerin trifft.
Eine interessante Variante des Blaxploitation-Genres findet sich in dem Vampirfilm »Dracula« (1972): Dracula beißt einen schwarzen Prinzen, der nun als schwarzer Vampir die Straßen von Los Angeles auf der Suche nach Blut durchstreift. Western, Blaxploitation und Sexploitation mixte Boss Nigger (1974), in dem Fred Williamson einen schwarzen Kopfgeldjäger spielte, der den Posten eines Sheriffs übernimmt. Und eine seiner ersten Amtshandlungen ist das Verbot des Wortes »Nigger« bei einer Strafe von 20 Dollar oder zwei Tagen Haft.
So wie bei den Shaft-Verfilmungen stand auch bei weiteren Blaxploitation-Produktionen die Filmmusik im Mittelpunkt. Während Isaac Hayes die legendäre Filmmusik zu Shaft schrieb, war Johnny Pate der Komponist des Shaft in Africa-Soundtracks. Den Soul-Power orientierten Soundtrack von »Superfly« schrieb Curtis Mayfield; James Brown komponierte den Soundtrack zu »Black Caesar« (1973), Roy Ayers die Musik zu »Coffy« und Wille Hutch zu »Foxy Brown«.
Der – zumindest kommerzielle – Höhepunkt der Blaxploitation-Welle war 1972, als 93 Filme mit schwarzen Hauptdarstellern produziert wurden. Nur bereits ein Jahr später reduzierte sich die Produktion neuer Blaxploitation-Filme dagegen auf 45. Obwohl auch noch später weitere Filme entstanden, die diesem Genre zugeordnet werden, gilt 1975 als das »Todesjahr« des Blaxploitation-Films. Insgesamt wurden im Zeitraum von 1970 bis 1975 etwa 200 Filme produziert.
Das heißt nicht, dass damit der Einfluss von Blaxploitation gänzlich verschwand. Nicht nur, dass die Filme zu einem gestärkten Selbstbewusstsein der Schwarzen beigetragen und für viele schwarze Künstler Türen in Hollywood sowie in der Musikindustrie geöffnet hatten und ihnen somit große künstlerische und kommerzielle Erfolge ermöglichten; aufgegriffen wurden Motive, Figuren und ästhetische Momente auch im New Black Cinema mit seinen Ghetto- und Drogenfilmen, und manch bekannterer Name wie Quentin Tarantino bediente sich aus der Fundgrube.
Selbst im Jahr 2000 tauchte wieder ein Film namens Shaft auf – und Richard Roundtree spielt in einer Nebenrolle. Samuel L. Jackson in der Hauptrolle als Shaft ist hier der Neffe des alten Shaft-Darstellers Richard Roundtree. Das Drehbuch basiert jedoch nicht auf einem Roman von Ernest Tidyman. Dennoch: »Shaft is back«.
Oliver Demny
(www.shaft-krimis.de)