Shaft ist Kult
Im Pendragon Verlag erscheinen die Shaft-Krimis von Ernest Tidyman neu und ungekürzt.
• Der Charakter von Shaft •
Shaft ist ein schwarzer Privatdetektiv, ein tougher Einzelgänger, der sich nur an seine eigenen Regeln hält – auch wenn das bedeutet, dass er gelegentlich jemanden durch ein Fenster werfen oder die italienische Mafia hochgehen lassen muss. Seine Junggesellenwohnung befindet sich in Greenwich Village und spiegelt seinen extravaganten Lebensstil wider. Sein Büro ist am Times Square gelegen, doch seine Fälle führen ihn hauptsächlich in die schwarzen Viertel New Yorks.
Shaft ist nicht bloß schwarz. Er ist auf eine verdammt trotzige Art schwarz. Ein echter, wütender, schwarzer Privatdetektiv, so brutal wie Mike Hammer. Mit einer Empfindlichkeit und einer Einstellung, die keinen Zweifel daran lassen, dass er jemand ist, mit dem man es sich besser nicht verscherzen sollte. Einer, der nie klein beigibt.
Shaft schert sich nicht um Schwarz und Weiß – er ist ein freier Mann. Der Kritiker Maurice Peterson schrieb: »›Shaft‹ ist das erste Bild, das einen schwarzen Mann zeigt, der ein Leben frei von rassistischer Qual führt.«
Ernest Tidyman und Gordon Parks Sen. führten somit einen schwarzen Charakter in das Genre des Mainstream ein, indem sie sich weigerten, ihn als einen Helden, ein Opfer und auch als einen Schwarzen zu behandeln. Dies wird z.B. in einer Szene im Cafe Reggio, dem Treffpunkt der Mafia, deutlich, als sich ein Mafia-Boss Shaft nähert und ihn fragt: »Ich suche einen Nigger namens Shaft.« Ohne zu zögern antwortet Shaft: »Du hast ihn gefunden, Itaker.«
• Der Einfluss von Shaft auf das Publikum •
Das schwarze Publikum imitierte den Stil und das Verhalten von Shaft, u.a. das in der ersten Szene des Films dargestellte Auftreten Shafts: Shaft wird gezeigt, wie er die Straße am Times Square überquert, ohne auch nur auf den Verkehr zu achten. Er geht davon aus, dass alle anderen Rücksicht auf ihn nehmen. Gordon Parks drehte diese Szene, ohne die Straße sperren zu lassen. Er hatte eine Kamera auf einem der Gebäude am Times Square befestigen lassen und Richard Roundtree alias Shaft musste mitten im New Yorker Verkehr über die Straße gehen, ohne nach rechts oder links zu sehen.
Viele »Möchtegern-Badass« übernahmen die Gangart, den Stil, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Straßenverkehr und das künstliche Kauderwelsch des ›baaaaaad mother – shut yo mouth! – I’m talkin ’bout Shaft, we can dig it‹. Shaft schuf somit eine neue (Pop)Kultur.
• Die Wahl des Shaft-Darstellers •
Gordon Parks wollte für die Hauptrolle einen Darsteller engagieren, dessen Name noch unbekannt war. Sidney Poitier war 1971 der einzige schwarze Mainstream-Star, der aber für die Rolle des Shaft zu elegant war. Außerdem bestand sein Publikum zu 70% aus Weißen. Blaxploitation sollte dieses Verhältnis jedoch umkehren und zum ersten Mal viele Schwarze in die Kinos holen. Der erste schwarze Action-Star war Jim Brown, der 1967 mit The Dirty Dozen (Das dreckige Dutzend) seinen nationalen Durchbruch feierte. In den folgenden drei Jahren, bis 1970, hatte er bereits 11 Filme gedreht und hätte die erste Wahl für Shaft sein sollen. Doch Brown hatte den Ruf, ein schwieriger Typ zu sein. Eine weitere Möglichkeit, die Rolle zu besetzen, wäre Raymond St. Jacques gewesen, der 1964 mit Rawhide den Grundstein für schwarze Schauspieler in Filmen gelegt hatte. Dazu Nathaniel Rayle: »Im Originalkonzept meines Vaters war Shaft ein ganzes Stück schlechter und schwärzer als Richard Roundtree. Roundtree war nicht der ursprüngliche Favorit. Mein Vater hielt ihn für zu gut aussehend. ... Shaft war größer und hatte dunklere Haut, hervorstehendere Wangenknochen, einen größeren Afro, und am wichtigsten, er hatte diesen I’m-a-badass-Gesichtsausdruck. ... Der Schauspieler, der Shaft am meisten ähnelte, war Christopher St. John, der die Rolle des Ben Buford im ersten Shaft-Film übernommen hat.«
Richard Roundtree, der letztendlich zu einem der ersten Action-Helden werden sollte, der gänzlich zur African-American community gehörte, hatte wenig Schauspielerfahrung. Aufgewachsen in einem Vorort New Yorks, New Rochelle, wurde er schon in der High School zum beliebtesten, bestaussehendsten und bestgekleidetsten Jungen gewählt. Er studierte später an der Southern Illinois University dank eines Football-Stipendiums und begann dort mit dem Schauspiel, bevor er die Universität verließ, um als Model bei dem Ebony Magazine Fashion Fair zu arbeiten. Er schloss sich dann der Negro Ensemble Company in New York an und war 29 Jahre alt, als er zum Casting für Shaft eingeladen wurde.
• Shaft – Buch und Film •
Die Shaft-Bücher im Ganzen gehören zu den brutalsten, abgebrühtesten und am besten geschriebenen Detektivromanen der 70er Jahre. Shaft war aber nicht der erste schwarze Privatdetektiv, denn Ed Lacy schrieb eine Serie über einen schwarzen Schnüffler namens Toussaint Moore.
Gordon Parks Sen. hatte einen zweiten Drehbuchautoren engagiert, um Tidymans Vorlage »schwärzer« zu gestalten. So fügte John D. F. Black dem Originalskript die Ausdrücke »cats«, »right on«, ebenso die berühmt-berüchtigten Einzeiler wie »Ich habe zwei Probleme, Baby – ich wurde schwarz geboren und ich wurde arm geboren.« sowie die typische Bewegung des Handschlags (high-fives) hinzu.
Dies ärgerte Tidyman jedoch, da er glaubte, dafür kritisiert zu werden. Nathaniel Rayle sagt über seinen Vater: »Er hasste die Vorstellung, dass die Leute diesen unechten schwarzen Dialekt hören und denken würden ›Was auch sonst kann man von einem weißen Drehbuchautoren erwarten?‹«
Anfangs war Tidyman auch nicht mit dem von Isaac Hayes komponiertem »Theme from Shaft« zufrieden. Die Kritik bezog sich vorwiegend auf den Schluß des Films, wo die schwarzen Sängerinnen »doo, da-doo, doo, da-doo« und »Who dat Shaft« singen. Dies war für Tidyman nur eine weitere Maßnahme Hollywoods, den Film »schwärzer« zu gestalten.
Aber trotz der Bedenken von Tidyman wurde der Film so erfolgreich, dass er die ökonomisch ins Wanken geratene Produktionsfirma MGM vor dem Ruin rettete. Shaft, der mit 1,5 Millionen Dollar produziert worden war, wurde schnell zum internationalen Kassenschlager und zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres 1971.
• Blaxploitation •
Gordon Parks über Blaxploitation:
»Ich hasse den Begriff Blaxploitation. Shaft hat nichts mit ›exploitation‹ zu tun. Ich weiß nicht, woher sie das haben. Worum Shaft sich drehte war, Arbeit für Schwarze zu beschaffen, die sie vorher nicht hatten – ihnen den Zugang zum Film zu ermöglichen. Das ist keine Ausbeutung. Shaft war die Art von Film, die Hollywood mit weißen Schauspielern drehte. ... Aber ich wüsste nicht, dass sie diese Art von Film ›white exploitation‹ nennen.« Dies war aber der Fall, denn Hollywood nutzte den Ausdruck ›exploitation‹ als Synonym für Marketing.
Auch Isaac Hayes hatte Probleme mit dem Begriff Blaxploitation und sagte darüber: »Es gab weiße Autoren und sie schrieben ihre Interpretation so wie sie dachten, dass es ›das Leben im Ghetto‹ sein sollte. Sie hatten aber keine Ahnung. Sie lebten nicht dort. Sie verbreiteten weiterhin die gleiche Sichtweise und es war beleidigend, dass sie die Frechheit dazu besaßen. Aber wiederum akzeptierten dies die Menschen aus den Ghettos, da sie ja letztendlich ihre eigenen Leute auf der Leinwand sahen. Dies ist es aber, was falsch daran war. Ich hatte ein paar Probleme mit Blaxploitation. Es gab auch Whitesploitation-Filme: Chained Heat, The Texas Chain Saw Massacre und all dieser Kram. Aber sie hatten eine andere Wahl. Wir hatten nur diese eine. Jetzt gibt es ein ganz anderes Auftreten von schwarzen Filmemachern, die die kreative Kontrolle haben ...«
Shaft öffnete die Tür für schwarze Schauspieler und Regisseure, aber es war die jüngere Generation, die durch diese Tür gehen sollte. So waren es nicht unmittelbar die Mitwirkenden bei Shaft, die von der Aufhebung der Barriere für Schwarze profieren sollten.
• Shaft 2000 •
In den 80er und 90er Jahren erhielt die Blaxploitation-Welle einen neuen Aufschwung. Quentin Tarantino benutzte Ansätze von Blaxploitation in seinen Filmen (Pulp Fiction, 1995) und verschaffte der Blaxploitation-Ikone Pam Grier in Jackie Brown (1999) einen überzeugenden Auftritt auf der Leinwand.
Im Jahr 2000 gab es dann ein Shaft Remake mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle. In dem Remake ist Shaft jedoch kein Privatdetektiv, sondern ein Polizist, der den Dienst quittiert und am Schluss Pläne schmiedet, eine eigene Detektei zu eröffnen. Die erotische Komponente fehlt und Shaft kann nicht mehr als »sex machine« angesehen werden. Auch wird »Shaft jun.« der Charakterzug des Einzelgängers genommen, denn er hat plötzlich eine Familie – seinen Onkel »Shaft sen.«, gespielt von Richard Roundtree!
(www.shaft-krimis.de)